Woher Geschichten kommen

Manchmal braucht es nur eine Kleinigkeit.
Daraus kann etwas entstehen, das weit über den Moment hinausgeht.
Ohne zu wissen, wohin es führt.

Da fragte mich doch der kleine Kerl, ohne mit der Wimper zu zucken: «Wieso schreibst du eigentlich?» Eine banale Frage. Eine Frage, die ich dem Anschein nach im Nu zu beantworten fähig sein sollte. Würde man annehmen.

Und dennoch stand ich da. Lächelte ihn an. Und verschaffte mir ein kleines bisschen Zeit, indem ich ihm erwiderte: «Das ist eine sehr gute Frage, die ich mir sehr selten stelle und daher nicht so auf Anhieb beantworten kann.»

«Ok, aber dann sag mir, woher kommen deine Geschichten?»

Mein Lächeln wandelte sich in ein Grinsen um. Mein Gesicht nahm die Form eines Mannes an, der scheinbar einen der lustigsten Witze seines Lebens gehört hatte. Ohne laut zu lachen. Nein, das tat ich nicht. Aber mein Gesicht strahlte. Denn in diesem Moment, als dieser Junge mich so entwaffnend fragte, woher meine Geschichten kommen und wieso ich schreibe, wurde mir das bewusst. Es lag an meiner Neugier. Es lag an meiner Fantasie. Es lag daran, dass ich immer durchs Leben ging, als würde ich jeden Tag neu erleben, den ich vorhergehend geträumt hatte. Man weiss ja, jeder Mensch ist ein Held in seinen eigenen Träumen. Genau dieses Verhalten, dieses Streben nach etwas, was nicht da war, nach Farben, die ich noch nicht kannte, hat mich dazu bewogen, den Schritt in die Welt der geschriebenen Geschichten zu wagen. Tagträume, die zum Leben erwachten, weil ich ihnen Atem einhauchte. Ich sah den Jungen an. Für ihn schien es so, als seien Stunden vergangen, ohne dass ich etwas gesagt hatte.

Er stand ruhig da und sah mich geduldig wartend an. Ich kniete mich nieder, damit wir auf Augenhöhe waren. Ich sah ihn an und sagte sanft, so gut es ging, mit meiner tiefen, sonoren Stimme: «Weisst du, dass das, was du gemacht hast, der Anfang von dem war, was ich tue?»

Ich sah, wie in seinen Augen weitere Fragen auftauchten. Bevor er sie aber formulieren konnte, sprach ich weiter: «Du hast mich etwas ganz Einfaches gefragt. Etwas, was für dich so selbstverständlich ist, aber für uns Erwachsene nicht mehr, sodass ich mich ertappt habe, wie ich überlegen musste, wieso ich begonnen hatte zu schreiben. Als du dann deine zweite Frage gestellt hast, war es mir auf einmal klar. Ich habe begonnen zu schreiben, weil meine Gedanken schon als junger Knabe sich zu Fantasien formten und Geschichten bildeten. Unzählige Geschichten. In ganz unterschiedliche Richtungen. Meistens begannen sie, weil ich etwas gehört, gelesen, gesehen oder gesagt hatte. Und diese Neugierde, diese Fantasie, blieb lange Zeit bestehen, bis ich mich entschieden habe, diese Geschichten mit anderen zu teilen. Das war der Zeitpunkt, als ich entschieden hatte, zu schreiben. Und woher die Geschichten kommen, wolltest du noch wissen, oder?»

«Ja», strahlte mich der Junge nun an und wartete freudig, wie es weiterging.

Ich setzte mich hin. Schaute zu ihm hinauf. Er tat es mir sofort gleich und setzte sich vor mich hin. Seine Hände unter sein Kinn gelegt, sagte er mir damit: Komm, erzähl weiter.

«Also gut, ich zeige es dir.»

Seine Augen strahlten noch mehr und er hörte mir gebannt zu, als würde ich jetzt dann plötzlich einen Zaubertrick anwenden und ihm das Geheimnis dazu verraten.

«Meine Geschichten entstehen alle hier drin», ich tippte mir an meinen Kopf, «damit sie hier reinkommen können, wende ich etwas an, was man im Verlauf des Lebens immer weniger macht. Nämlich auf Dinge, die da sind, aber niemand wirklich anschaut, zu achten. Nehmen wir an, du siehst Süssigkeiten in einem Laden. Schon lange bevor sie deine Mutter sieht. Du schaust ganz genau hin und siehst genau die eine Süssigkeit, die du haben möchtest. Weisst du, was ich meine?»

«Ja, klar!» Er strahlte mich an, als wäre ich diese eine Süssigkeit.

«Und genau das ist es. Du siehst sie, aber alle um dich herum nicht. So ist es mit den Dingen, die ich sehe und dann zu Geschichten forme.»

«Und das machst du einfach so?»

«Ich versuche, mir ganz viele Bilder vorzustellen, wie das, was ich sehe, noch sein könnte. Und dann wähle ich die Bilder, die mir gefallen, aus. Füge diesen Bildern Worte hinzu.»

«Woher nimmst du denn diese Worte?», fragte er mich ein wenig verdutzt.

«Nehmen wir an, du malst etwas. Du beginnst, weil du in deinem Kopf etwas siehst, was niemand anderes sieht.»

Sein Nicken und sein Blick verrieten mir, dass er noch immer völlig gebannt zuhörte.

«Du beginnst vielleicht mit einem Strich oder einer speziellen Farbe. Du machst weiter und weiter, bis dein Kopf dir sagt: Jetzt ist das Bild fertig. Oder?»

«Ja, das mache ich am liebsten.»

«Siehst du. Nun hast du das gemalte Bild. Und wenn du jetzt ganz genau hinschauen würdest, würdest du merken, dass du dir während und nachdem du das Bild gemalt hast, Wörter dazu überlegt hast. Nicht bewusst, nicht weil du es wolltest, nein, weil du automatisch das Bild mit deinen Worten ausgefüllt hast. Die Worte, die du dir dann im Kopf zusammengetragen hast, kannst du jederzeit anderen weitergeben, die dich fragen, was du da Schönes gemalt hast.»

«Ja, das stimmt.»

«Siehst du, genau so geht es mir.»

Der Junge sass da. Versuchte zu verstehen, was ich ihm da gerade gesagt hatte. Nahm sich einige Zeit. Überlegte sichtlich angestrengt. Bis er dann auf einmal aufsprang und sagte: «Du hast mir eine Geschichte erzählt. Von mir.».

Er lachte freudig und verstand, was ich ihm sagen wollte.

«Du hast mich angeschaut. Du hast mir etwas erzählt, was ich gerne mache, und dabei so getan, als würdest du mir zuschauen. Dann hast du mir eine Geschichte erzählt.»

«So ist es.»

«Aber das heisst ja, dass alles eine Geschichte sein kann.»

«Wieder richtig. Schau, Geschichten sind überall, nur gehen die meisten Menschen einfach an ihnen vorbei.»

Der Junge schaute mich zufrieden lächelnd an. Sein Blick sprach mehr, als er in Worte fassen konnte. Er stand auf, blieb kurz stehen, grüsste mich herzlich, kehrte mir den Rücken zu und lief weg.

Da sass ich nun. Schaute ihm noch einen Moment lang nach. Mein Blick verlor sich irgendwo zwischen ihm und all den Dingen, die um mich herum geschahen. Dann sah ich, wie der Junge stehen blieb. Sich bückte. Kurz so verharrte. Sich aufrichtete. Und mit einer kleinen Bewegung etwas in seine Hosentasche steckte.

Ich schmunzelte.

Was das wohl war?


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