Ein Lächeln.
Ein grauer Morgen.
Und die Frage, wer wen wirklich sieht.
Ein flüchtiger Blick aus dem fahrenden Zug. Der sich an diesem sich herbstlich anfühlenden Morgen den Weg durch die Dunkelheit bahnt. Der Regen prasselt an die Fenster. Viel ist nicht zu sehen. Nur einige Lichter der Strassen und Häuser, die in unmittelbarer Nähe der Gleise verlaufen, geben immer wieder scheinende Lichtflecken in diesem Schwarz, gemischt mit Grau. Auch wenn es langsam heller wird, vermag das Tageslicht die Dunkelheit nicht ganz zu verdrängen.
Seine Augen werden schwerer, der Blick senkt sich immer mehr. Die reale Welt und die Traumwelt verschmelzen immer mehr miteinander. Bis zu dem Punkt, an dem er nicht mehr Herr seiner Gedanken ist, sie sich verselbstständigen und zu einem Zeitpunkt weit in der Vergangenheit gelangen.
Ein dunkler Wintermorgen materialisiert sich vor seinem geistigen Auge. Wie am heutigen Tage war es auch an diesem Morgen dunkel. Früh morgens. Und die Regentropfen prasselten gegen die Scheiben.
An diesem Morgen war nicht nur das Wetter trüb. Nein, auch seine Stimmung. Und mit trüb ist es noch stark untertrieben. Draussen war es kalt. Aber nicht so kalt, dass es schneite. Nein, es regnete. Es war Ende Februar.
Die Tage waren immer noch kurz und die Nächte lang. Zu lange für ihn. Die Dunkelheit störte ihn so sehr. Ihn, der die Sonne und das Licht so liebte. Wie eine Sonnenblume genoss er es, wenn die pralle Sonne auf ihn schien, ihn am ganzen Körper erwärmte und seine Seele von innen auflud. Die Dunkelheit dagegen gab ihm das Gefühl, erdrückt zu werden. Sein stärkster Wunsch in diesem Moment: Möge der Winter endlich enden. Viel lieber wäre es ihm, wäre es schon Frühling oder gar Sommer.
Ja klar, Ende Februar, Anfang März bereits Frühling oder Sommer zu haben, dafür müsste man in der Karibik wohnen. Kurz dachte er für sich nach: Wieso denn nicht? Wieso nicht die Koffer packen? Sich auf den Weg machen. In ein Klima, in dem er sich wohlfühlen konnte. Das ganze Jahr durch. Dort, wo es am Morgen bereits warm war und auch die Sonne viel mehr Zeit am Himmel verbrachte, als er es sich vorstellen konnte.
Mit einem kurzen Ruckeln des Zuges wusste er, dass es an der Zeit war, aufzustehen und auszusteigen. Seine Haltestelle war die nächste. Und wer weiss, wie lange diese Haltestelle noch als Haltestelle gelten würde, da gefühlt immer weniger Menschen hier aus- oder zustiegen. Er stand nun bereits an der Türe und wartete darauf, dass der Zug ganz hielt und sich die Türen vor ihm öffneten. Dahinter wartete der Arbeitstag auf ihn, für den ihm leider die Motivation abhandengekommen war. Der Zug hielt. Die Türen öffneten sich.
Und auf einmal leuchtete da etwas. Und zwar sehr hell. Wie die Morgensonne! Eine Silhouette mit einer langen gelben Regenjacke stand hinter den geöffneten Türen. Die gelbe Silhouette bewegte ihren Kopf.
Langsam, aber bestimmt blickte sie auf. Fester Blick. Ein warmes Lächeln auf den Lippen. Strahlende Augen. Und wieder schoss ihm der Gedanke durch den Kopf: Die Morgensonne in Person. Ein Lächeln. Ein kleines Lächeln am frühen Morgen. Direkt an ihn gerichtet. Wie schön! Er konnte gar nicht anders und erwiderte ihr Lächeln mit einem Lächeln. Auf einmal waren die Gedanken von dunkel, kalt und mühsam auf „Wie schön es ist“ gesprungen. Dieses Lächeln veränderte seinen Tag und er schritt motiviert zur Arbeit. Dabei dachte er nicht daran, dass dies das erste einer ganzen Reihe von Lächeln war, die ab diesem Morgen immer wieder aufs Neue untereinander ausgetauscht wurden.
Es vergingen die Tage, Wochen und Monate. Jeden Tag, an dem sich die beiden anlächelten, ging es ihm einfach gut. Insgeheim hoffte er natürlich, dass sie es auch so empfand. Es gab ihm diese innere Ruhe und Zufriedenheit, jeden Morgen, wenn er sie traf und ihr Lächeln in Empfang nehmen durfte.
Die Geschichte ging dann so weit, dass die beiden begannen, sich zu grüssen. Von einem netten, distanzierten „Guten Morgen“ bis hin zu einem wohlwollenden und persönlichen „Hallo“. Man wünschte sich einen schönen Tag. Gab noch einen kurzen Kommentar mit auf den Weg, blickte nochmals kurz zurück, um sich dann mit Freude in den Alltag zu stürzen. Die Tage, Wochen und Monate vergingen und die beiden führten ihre Routine fleissig weiter.
Bis zum kommenden Advent.
Da hatte er ihr eine kleine Überraschung vorbereitet. Zur Adventszeit schrieb er gerne Karten und wünschte so seinen Mitmenschen im näheren Umfeld eine besinnliche Zeit. Dabei gab er seine literarische Ader preis, denn für jeden und jede hatte er etwas Persönliches mitzuteilen. Und dieses Jahr bekam auch sie eine Karte. Er übergab sie ihr am Morgen und der Zufall wollte es, dass sie sich am Abend wieder an der Haltestelle trafen. Das kam nicht oft vor. Sie kam heraus, sah ihn und bedankte sich freudig bei ihm. Und mit ihrem Lächeln sagte sie ihm, was diese Karte für sie bedeutete.
Denn diese unbekannte Frau, mit der er seit mehreren Monaten diesen wunderbaren morgendlichen Austausch hatte, fühlte sich im Alltag, in ihrem Alltag, unsichtbar. Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Sie hatte eine so warme Ausstrahlung, ein wunderbares Lächeln und sah obendrein noch sehr ansprechend aus. Und diese Frau sagte ihm Danke und gestand ihm, sie fühle sich im alltäglichen Verkehr unsichtbar.
Wie ein Geist.
Ihm fielen in diesem Augenblick Situationen ein, in denen er dieses Gefühl selbst erlebt hatte. Nicht gesehen zu werden. Aber auch Augenblicke, in denen vielleicht er derjenige gewesen war, der jemanden nicht gesehen hatte.
Herzlichkeit ist doch Menschlichkeit, dachte er.
Und irgendwie wurde ihm in diesem Moment klar, dass Helligkeit nicht nur vom Wetter abhing.
Es rüttelte kurz, aber sehr intensiv. Seine Augen öffneten sich auf einen Schlag. Seine Arme legte er rechts und links auf die Sitzpolsterung. Er brauchte einen Augenblick, bis er erkannte, wo er war. Er sass im Zug. Fuhr immer noch durch die Flussebene in Richtung der nächstgrösseren Stadt, wo er einen Termin hatte. Einen Termin inmitten der Grossstadt. Als er wieder voll bei Sinnen und wach war, konnte er nicht anders, als zu lächeln.
Im dunklen Zug sass er da und lächelte.
Draussen wurde es langsam heller.