Eine Begegnung.
Ein Augenblick.
Und die Frage, was davon bleibt.
Da sass er nun. Alleine. Wie meistens um diese Uhrzeit. Sein Blick verloren. In die Ferne gerichtet. Mit einem sanften Hauch von Nostalgie. Und dem kleinen Zucken im Mundwinkel, wenn sich ein Gedanke an einer Erinnerung festhängte, die ihm augenscheinlich gefiel. Viel machte er den Tag durch nicht. Es schien, als würde er morgens aufstehen, damit er dann einfach da sitzen und warten konnte.
Zu Beginn fiel er mir nicht auf. Ich dachte, es sei ein älterer Mann, Anfang achtzig vielleicht, der einfach da sass und keinen absehbaren Plan hatte. Doch als ich ihn am dritten aufeinanderfolgenden Tag dort sitzen sah, nahm ich mir Zeit. Setzte mich auf die kühle Marmorsitzbank auf der anderen Seite der Piazza.
Die kleine Piazza lag inmitten des Gewimmels im historischen Teil des Stadtzentrums. Eine vielbefahrene Strasse führte hindurch. Die alten Schlossmauern beherbergten Häuser und Einkaufsläden, die in den 60er- und 70er-Jahren genau dafür umgenutzt worden waren. Auch Teile der Stadtmauer waren noch zu sehen. Die grosse, prächtige Strasse, die heute nur noch Fussgängern vorbehalten ist, zeugte von der historischen Bedeutung dieses Ortes.
Die Piazza war um diese Zeit immer gut besucht. Am späteren Nachmittag, frühen Abend, wenn es langsam wieder kühler wurde. Auch Ende August war es tagsüber noch sehr warm. Und alle warteten auf die kühle Meeresbrise am Abend.
Mich aber beschäftigte etwas anderes. Mittlerweile beobachtete ich den alten Mann seit fast einer Woche.
Worauf wartete er?
Mein erster Gedanke war, dass auch er nicht so recht wusste, worauf er wartete. Denn je länger ich ihn beobachtete, desto mehr kam es mir so vor, als sässe er einfach da.
Still. Beobachtend. Stoisch. Ruhig.
Wie die Statue inmitten der Piazza, die auf uns alle herunterschaute. Als würde er, genau wie sie, einfach dazugehören.
Als wäre er fix. Eingefroren. Angemacht. Angewurzelt. Verankert.
Ab und zu schweifte sein Blick in eine andere Richtung. Um dann gleich wieder zurückzukehren. Als hätte er Angst, etwas zu verpassen.
Der Wind wehte heute stärker als in den letzten Tagen. Man sah es ihm an. Immer wieder kniff er die Augen zusammen und hielt sie für einen Moment geschlossen.
Was störte ihn heute? Was liess ihn so unruhig wirken?
Ja, ich weiss. Wie kann eine Statue unruhig wirken? Aber ich sage euch, man sah ihm etwas an. Als wäre etwas nicht in Ordnung.
Die Stimmung um ihn herum war heute anders. Als würde sie bald von alleine um sich greifen. Und wehe, wenn sie losgelassen würde, auf alles, was ihn umgab.
Ob das gut kommt? Ob das sein muss?
Ich blieb gebannt stehen.
Setzte mich auch heute auf eine Bank in seiner Nähe. Versuchte nicht so zu wirken, als würde ich ihn beobachten. Er beachtete mich nicht.
Ob er überhaupt gemerkt hatte, dass ich da stand und immer wieder zu ihm rübersah?
Glaube nicht.
Oder doch?
Aber es schien ihn nicht weiter zu kümmern.
Ich blieb noch eine ganze Weile sitzen. Schaute mich immer wieder in die andere Richtung um. Liess meinen Blick von ihm wegschweifen. Irgendwann merkte ich, dass ich schon länger nicht mehr nach ihm geschaut hatte.
Da.
Sein Platz war leer.
Er war weg. Nicht mehr da.
Was war geschehen?
Ich blieb noch ein wenig sitzen. Merkte aber, wie ich mich nervös immer wieder umdrehte. Wieso interessierte es mich so sehr, was dieser Mann machte? Und wieso war ich nun in Sorge um ihn, als würde ich ihn wirklich kennen?
Dabei hatte ich mit ihm noch nie ein Wort gewechselt.
Die Gedanken jagten durch meinen Kopf. Sie drehten und drehten sich immer weiter und malten Bilder, die ich so eigentlich gar nicht von mir kannte.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Auf einmal ertönte eine Stimme neben mir. Italienisch. Mit starkem Akzent der Region und Endungen, die einfach weggelassen wurden, weil der Dialekt es so vorgab.
Erschrocken fuhr ich zusammen.
Drehte mich um. Sah ihn. Neben mir stehen.
Ich war wie in Schockstarre. Brachte keinen Ton heraus. Versuchte zu nicken oder ihm irgendwie zu zeigen, dass es für mich in Ordnung war, wenn er sich neben mich setzte.
Bevor ich etwas tun, zeigen oder sagen konnte, sprach er weiter.
„Will Sie ja nicht stören, aber ich setze mich einfach mal daneben. Schauen Sie. Einfach mal genauer hin.“
Er zeigte mit seinem Finger in eine bestimmte Richtung.
Ich war noch immer völlig überfordert. Er hatte sich einfach neben mich gesetzt. Er sprach mit mir. Und vor allem: Er sass nicht mehr dort auf seinem Platz.
„Sehen Sie, da? Sie müssen schon schauen, sonst werden Sie das Geheimnis nie lüften können.“
Oh, Schreck. Er wusste es.
Er wusste, dass ich ihn die letzten Tage die ganze Zeit beobachtet hatte.
Er hatte mich auf frischer Tat ertappt.
Und nun?
Wie sollte ich mich in so einer Situation verhalten? Ich meine, wie peinlich konnte es noch werden?
Ich musste durchatmen. Herr meiner Lage werden.
Ich lächelte ihn an und versuchte, in die gezeigte Richtung zu schauen. Mein Körper zitterte. Unbehagen überfiel mich immer mehr. Gespannt und konzentriert schaute ich dorthin, wohin er zeigte.
Mein Blick wanderte seinem Arm entlang. Über seine Hand. Seinen ausgestreckten Finger.
In die Weite.
Und da.
Auf einmal überkam mich ein Gefühl von Wärme, Ruhe und Wohlbefinden.
Alle Anspannung fiel ab.
Mein Körper, der eben noch gezittert hatte, verfiel in eine Art meditativen Zustand.
„Sehen Sie. Wusste ich es doch. Das ist der Grund, wieso ich mich da hinsetze. Jeden Tag. Und einfach nur starre. Weil es genau das auch mit mir macht.“
Wahnsinn.
Nun verstand ich den Mann.
Auf einmal fühlte ich mich ihm verbunden. Als würde ich jetzt alles klar sehen. Als wüsste ich ganz genau, was es hiess, hier zu sitzen, zu verweilen und genau das zu erfahren.
Jetzt wusste ich, was ihn jeden Tag aufs Neue so verzauberte. Was ihn so in seinen Bann zog, dass er sich nicht mehr bewegte.
Und was soll ich sagen?
Nun sass ich neben ihm auf der Bank. Schaute mit ihm in dieselbe Richtung, auf dasselbe wie er. Und ich konnte mir nur ausmalen, wie wir aussahen.
Wie zwei Statuen auf einer Piazza.
Unbeweglich.